Provisorium Videokonferenz

Sollten in Zukunft nicht alle Meetings per Videokonferenz durchgeführt werden? Sind analoge Treffen überhaupt noch nötig? Zumal sie Reisezeit, Reisekosten und CO2 erzeugen?

Mit der realen Zusammenkunft von Menschen entsteht eine sozialräumliche Situation. Flankiert von Tagesordnungspunkten werden darin zuerst einmal objektiv-rationale Informationen und Wissensinhalte ausgetauscht und kognitiv verarbeitet. Körperlich-sinnliche Momente, Emotionen und subjektive Erfahrungen sind jedoch mit den Menschen zusätzlich anwesend. Wahrnehmungsvorgänge finden darin reichhaltige Anknüpfungspunkte. Körper und Dinge, Distanz und Nähe choreografieren zudem ein zeitlich-prozessuales und ästhetisches Geschehen, mit einem Verlauf, der offen ist. All das zusammengenommen fließt in Entscheidungs- oder Ideenfindungsprozesse ein, erzeugt Handlung und Handlungsfolgen. Wer das für belanglos hält, sei an Stanislaw Petrow erinnert. Ihm verdanken wir, dass wir alle noch am Leben sind. Als Oberstleutnant der sowjetischen Armee hat er am 26. September 1983 einen Atomkrieg verhindert, indem er – nach dem Eintreffen einer vermeintlich objektiven Information mittels Computer (Amerika schickt Atomraketen) – eher einem Gefühl und seiner subjektiven Erfahrung vertraute. Innerhalb von Minuten entschied er sich gegen den „roten Knopf“. Dieses Beispiel zeigt, dass die wichtige Fähigkeit, Situationen zu beurteilen, den Menschen in seiner Gesamtheit herausfordert.

Der Bildschirm ist ein praktisches Gerät. Er schneidet die Körpersprache aus (und damit Gesten, „Unterschwelliges“ usw.), fokussiert auf Ziele und Zwecke, strafft Zeitpläne und spart Ressourcen. Bei erfahrenen, eingespielten Teams können virtuelle Besprechungen ein wichtiger Teil der Arbeitsroutine sein. Auch setzen Erfahrung und Urteilskraft nicht plötzlich aus, nur weil ein Computer die Informationen überbringt, wie Petrow gezeigt hat.

Aber schon die Erarbeitung erfolgreicher „Change-Prozesse“ – Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen in Unternehmen – zeigt die Wirkung realer Räume. Sie geben Geschehnissen und Prozessen eine Orientierung, denn jede(r) Einzelne positioniert sich darin zu „etwas“. Konstellationen und Hierarchien unter den Mitarbeiter*innen, aber auch unbewusste Aspekte verorten sich, werden erlebbar und spürbar. 

Ein Video-Meeting ist daher als ein Provisorium zu bezeichnen. Provisorien gibt es in vielerlei Gestalt und in nahezu allen Kontexten. Sie sind dafür gemacht, einen Zustand zu überbrücken und eine Funktion aufrechtzuhalten, wenn die eigentliche oder angestrebte Lösung gerade nicht greifbar ist. Der Wortsinn verrät außerdem eine zusätzliche Qualität: Das lateinische „Pro videre“ bedeutet „vorhersehen“ und auch „fürsehen“ (= altes Wort für „Sorge tragen“). 

Angewendet auf derzeitige Situationen in der Corona-Krise bedeutet das: Digitale Zusammenkünfte halten die Arbeit am Laufen und Menschen in Verbindung; demnach sind sie sinnvolle Notbehelfe. Durchaus vorstellbar ist also, dass Video-Meetings mit dem Verschwinden der Viren wieder an Bedeutung verlieren…… oder sie bleiben ewig. Auch dafür gibt es viele „provisorische Beispiele“.